Geschichte der KI - Teil 4

Descartes, Hobbes und das 17. Jahrhundert: Die Ära der mechanischen Vernunft

Das 17. Jahrhundert war eine Epoche des Umbruchs. Die wissenschaftliche Revolution stellte die scholastische Weltordnung auf den Kopf und etablierte die Mathematik und die Mechanik als die dominierenden Wissenschaften. Diese Entwicklung hatte tiefgreifende Auswirkungen auf die Art und Weise, wie Philosophen die menschliche Natur und die Möglichkeit künstlicher Intelligenz betrachteten. Das Denken selbst wurde in Frage gestellt und auf seine mechanischen Komponenten untersucht. Die Geschichte der KI ist ein über Jahrtausende gewebter Teppich, der von Mythen, Magie und mechanischer Präzision durchzogen ist. Es ist eine fortlaufende Erzählung, die bis heute spannend ist und deren neuestes Kapitel gerade jetzt mit rasanten Entwicklungen fortgeschrieben wird. 

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Zwei Denker dieser Zeit prägten die spätere Diskussion über die KI wie kaum andere: René Descartes und Thomas Hobbes. Ihre konträren, aber beide fundamental mechanistischen Ansätze schufen den intellektuellen Raum, in dem die Vorstellung einer denkenden Maschine überhaupt erst plausibel wurde.

Der Dualismus und die Maschine Mensch

René Descartes (1596 bis 1650) gilt als Vater der modernen Philosophie. Sein berühmter Dualismus teilte die Welt in zwei grundlegend verschiedene Substanzen:

  • Res Cogitans (Denkende Substanz): Der Geist, die Seele. Sie ist immateriell, unsterblich und nur dem Menschen zu eigen.
  • Res Extensa (Ausgedehnte Substanz): Der Körper und die gesamte physische Welt. Sie ist rein mechanisch, funktioniert nach physikalischen Gesetzen und ist im Prinzip eine komplizierte Maschine.

Obwohl Descartes die menschliche Seele klar von der Maschine trennte, leistete sein Dualismus einen wichtigen Beitrag zur KI. Er erlaubte es, den menschlichen Körper als einen reinen Automaten zu betrachten. Tiere sah er gänzlich als "tiere machines" oder Tierautomaten an, die keine Seele besitzen und deren Verhalten durch rein mechanische Prozesse erklärt werden kann.

Diese radikale mechanistische Sichtweise auf den Körper und auf weite Teile der belebten Natur war ein intellektueller Befreiungsschlag. Sie beflügelte die Entwicklung von Automaten im 18. Jahrhundert, da sie die mechanische Nachahmung von Leben als einen legitimen und erreichbaren ingenieurwissenschaftlichen Zweck darstellte. Descartes schloss zwar die Möglichkeit einer denkenden Maschine aus, er öffnete jedoch die Tür für die Möglichkeit einer handelnden und reagierenden Maschine, die menschliche Bewegungen perfekt simulieren konnte.

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Thomas Hobbes: Denken ist Rechnen

Der englische Philosoph Thomas Hobbes (1588 bis 1679) ging in seinem Werk Leviathan deutlich weiter und lieferte eine der radikalsten frühen Thesen zur Natur der Intelligenz. Er argumentierte, dass Denken im Grunde nichts anderes sei als Rechnen.

Hobbes’ berühmtes Zitat:

"Wenn wir uns vernünftig ausdrücken, ist dies nichts anderes als die Addition und Subtraktion der Konsequenzen allgemeiner Namen, die für das Bezeichnen und Verstehen vereinbart wurden."

Diese Auffassung ist der Urknall des materialistischen KI Gedankens. Er verwarf die Notwendigkeit eines mystischen oder immateriellen Geistes, um logische Prozesse zu erklären. Vernunft ist demnach eine Kettenreaktion von mentalen Rechenoperationen. Hobbes reduzierte damit das komplexe menschliche Denken auf einen rein algorithmischen Prozess.

Der Mensch als Mechanismus

Die Implikationen von Hobbes' These sind für die KI Forschung gewaltig. Wenn Denken Rechnen ist, und wenn Maschinen rechnen können, dann können Maschinen im Prinzip auch denken. Er lieferte die philosophische Rechtfertigung für die symbolische KI des 20. Jahrhunderts. Hobbes sah den Menschen als eine Art biologischen Automaten, dessen Handlungen und Entscheidungen durch mechanische Prozesse im Gehirn ausgelöst werden.

Die Ideen von Hobbes und Descartes führten zu einem spannungsgeladenen Dialog, der bis in die moderne KI hineinreicht:

  • Hobbes lieferte die Funktion: Denken ist algorithmisch.
  • Descartes lieferte die Maschine: Der Körper ist ein Automat.

Die Herausforderung für die Ingenieure wurde nun klar definiert: Es ging darum, eine Maschine zu bauen, die Hobbes' algorithmisches Denken in Descartes' mechanischem Körper ausführen konnte. Die logischen Systeme des Aristoteles wurden nun durch die Rechenmetapher von Hobbes ergänzt.

Der Mechanismus als Mode

Das 17. Jahrhundert sah nicht nur theoretische Diskussionen, sondern auch einen Aufschwung mechanischer Geräte. Die Erfindung der Rechenmaschinen (Schickard, Pascal) demonstrierte erstmals, dass komplexe arithmetische Operationen vollständig mechanisiert werden konnten. Dies war der physikalische Beweis für Hobbes' These. Diese Maschinen waren zwar nur auf Arithmetik beschränkt, aber sie festigten die Idee, dass ein Teil des Denkens bereits erfolgreich an die Technik delegiert werden konnte. Das mechanistische Weltbild etablierte sich und mit ihm die Erwartung, dass die Nachahmung menschlicher Fähigkeiten nur eine Frage der Komplexität der Maschine sei. Die mechanische Vernunft des 17. Jahrhunderts war somit der unverzichtbare Brückenschlag zwischen der antiken Logik und den Rechenmaschinen der frühen Neuzeit.

FAQ – Häufig gestellte Fragen


Welches Weltbild prägte die Wahrnehmung des menschlichen Körpers im 17. Jahrhundert?
Im Zuge der wissenschaftlichen Revolution setzten sich Mathematik und Mechanik durch, was dazu führte, dass der Körper als rein physikalische Maschine verstanden wurde.

Was bedeutet der Dualismus von René Descartes?
Descartes trennte die Welt streng in die immaterielle, denkende Seele und die ausgedehnte physikalische Materie, die rein mechanisch funktioniert.

Warum stellte die These von Thomas Hobbes einen Meilenstein für die KI dar?
Hobbes definierte das Denken radikal als einen rein mechanischen Rechenprozess, der aus der Addition und Subtraktion von Begriffen besteht.

Welcher physikalische Beweis stützte Hobbes’ Thesen im 17. Jahrhundert?
Die Erfindung der ersten mechanischen Rechenmaschinen zeigte in der Praxis, dass komplexe Rechenoperationen erfolgreich an leblose Geräte delegiert werden können.

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